Literatur
- Meike Fischer «Der Rote Faden»; dpunkt.verlag; ISBN 978-3-86490-205-5
- Alain Briot «The Importance of Photo Projects» (Part 1 – 4), «Landscape Photography Magazine»
Das Dilemma
Wer kennt das nicht: Man geht kamerabewaffnet aus dem Haus, um verschiedenste Motive zu suchen und zu fotografieren. Man knipst so ziemlich alle lohnenden Motive konzeptlos durcheinander, ohne eine gemeinsame Linie zu finden. Alles, was so gerade vor die Linse kommt.
Zuhause werden die Bilder aussortiert, bearbeitet und die Besten in den entsprechenden Bilderordnern auf dem PC abgelegt. Dort versinken diese Einzelbilder – so gut sie auch sein mögen – zusammen mit vielen anderen in der Bedeutungslosigkeit. Einige wenige schaffen es ins Web oder sogar an die Wand. Aber so richtig befriedigend ist diese Art des Fotografierens meines Erachtens nicht.
Viel schöner und befriedigender wäre es doch, mit einer Serie von thematisch und optisch zusammengehörigen Bildern eine Geschichte zu erzählen und allenfalls zu präsentieren. Kein Einzelbild kann zu angeregteren Diskussionen führen als eine projektmässig über einen bestimmten Zeitraum hin realisierte Serie oder Geschichte.
Aber wie kriege ich die Kurve von den vielen zusammenhangslosen Einzelbildern zu stringenten und geschlossenen kleineren und grösseren Fotoprojekten? Im folgenden möchte ich mir dazu einige Gedanken machen und auch aufzeigen, wie ich persönlich vorgehe.
Was ist ein Fotoprojekt und was ist es nicht?
Ein Fotoprojekt ist ein zielgerichtetes, einmaliges Vorhaben, das aus einem Satz/einer Serie von aufeinander abgestimmten Fotografien zu einem vorgegeben Thema, welches in einer bestimmten Zeit mit Anfangs- und Endtermin durchgeführt wird. Es gibt ein Projektziel mit Vorgaben und Randbedingungen (Zeit, Kosten, Technik, Qualität, Endprodukt usw.).
Ein Fotoprojekt ist nicht einfach eine Sammlung ähnlicher Bilder zu einem bestimmten Thema, welche über einen gewissen Zeitraum eher zufällig entstanden sind und am Schluss zusammengestellt präsentiert werden.
Warum sind Fotoprojekte für mich wichtig?
Fokussierung
Ein klar vorgegebenes Projekt zwingt mich, mich auf ein einziges fotografisches Thema zu fokussieren und nur Bilder zu machen, welche in den Rahmen des jeweiligen Projektes passen – und eben nicht alles Mögliche zu fotografieren, was mir im Laufe der Zeit vor die Linse kommt.
Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein kleines Projekt von wenigen Stunden oder um ein langfristig angelegtes Vorhaben von Monaten oder gar Jahren handelt. Über kleine und grosse Fotoprojekte spreche ich in einem späteren Abschnitt.
Berühmte Fotografen haben sich zeitlebens auf ihre ganz spezifischen Themen fokussiert (Ansel Adams, Henri Cartier Bresson, Diane Arbus, Michael Kenna, Sebastião Salgado u. v. a. m.)
Kreativität
Man glaubt, dass Kreativität innerhalb eines relativ engen Projektrahmens nicht möglich sei. Das ist ein Mythos. Fakt ist, dass sich innerhalb gewisser Randbedingungen Kreativität wesentlich besser entfalten kann, als wenn keinerlei Restriktionen vorgegeben sind.
Kreativität passiert nicht einfach so, sondern ist ein Prozess. Im Rahmen eines Projektes können fotografische Lösungen (Bilder) über die Zeit immer besser werden. Kreativität ist sozusagen ein evolutionärer Prozess über die Zeit.
Befriedigung
Ein Projekt wie geplant abzuschliessen und als vollendetes Werk anderen in jedwelcher Form zu präsentieren und zu teilen, verschafft mir eine grosse Befriedigung. Das Bewusstsein, etwas Ganzes geschaffen und vollendet zu haben, gibt mir den Mut, wieder etwas Neues, vielleicht sogar noch etwas Umfangreicheres und/oder Herausfordenderes anzupacken.
Diskussionen über ein Fotoprojekt, sei es als Portfolio, Webseite, Fotobuch oder gar als Ausstellung sind wesentlich vielfältiger, umfangreicher und damit für alle Seiten auch befriedigender als Kritiken (positive oder negative) zu einem Einzelbild.
Kurzzeitprojekte
Kurzzeitprojekte können wenige Stunden bis zu zwei oder drei Tage dauern:
- Oft unternehme ich Spaziergänge (wenige Stunden) mit der Konzentration auf ein einziges Thema, meist draussen in der Natur. Als Resultat ergibt sich eine projektmässig erarbeitete Serie von vielleicht 15 – 30 Bildern. Während dieser Zeit halte ich mich konsequent und konzentriert an das einmal gewählte Thema; mache also keine davon abweichenden Fotos. Beispiele: Baumnarben oder Frühlingsboten.
- Meine Wanderungen in den Bergen verfolgen in der Regel ein ganz bestimmtes Thema und Ziel. Die dabei entstehenden Bilder haben dokumentarischen Zweck im Sinne einer Reportage und damit ebenfalls Projektcharakter. Eintageswanderungen mit Rückkehr am Abend oder aber zwei oder mehr Tage mit Hüttenübernachtungen. Gute Beispiele sind meine einzelnen Wanderungen zu den Rheinquellen.
Kurzzeitprojekte verlangen ein hohes Mass an konzeptioneller Vorbereitung, da sich meist keine zweite Gelegenheit ergibt, Versäumtes nachzuholen. Nebst der eigentlichen Themawahl muss eine ganze Reihe anderer Dinge geplant beziehungsweise berücksichtigt werden. So spielt zum Beispiel das Wetter eine gewichtige Rolle (was sind die Alternativen?). Bei Bergwanderungen muss die Route sorgfältig geplant und auf die persönlichen Fähigkeiten (Kondition) abgestimmt werden. (Hütten-)Übernachtungen müssen rechtzeitg reserviert (oder evtl. abgesagt) werden.
Langzeitprojekte
Meine einzelnen Wanderungen zu den Rheinquellen sind Kurzzeitprojekte. Fasst man jedoch diese Exkursionen thematisch zusammen, so entsteht ein Langzeitprojekt, welches Monate oder gar Jahre dauern kann, denn Rheinquellen gibt es nebst den Wichtigsten unzählige andere. In der Tat plane ich für die nächsten Jahre weitere Erkundungen wichtiger Quellen des Rheins (zum Beispiel die Aarequelle oder die Reussquellen).
Langzeitprojekte sollten gut und vor allem vernünftig geplant und vorbereitet werden. Nichts ist enttäuschender, als wenn ein ambitiös geplantes Projekt verzögert oder gar nicht realisiert werden kann. Aber wie soll man vorgehen, um ein Langzeitprojekt anzugehen und umzusetzen?
Das Projekt-Thema
Als freischaffender Fotograf oder als Amateur hat man in der Regel die freie Themenwahl im Rahmen der persönlichen Vorlieben und Möglichkeiten (geografisch, technisch, finanziell usw.). Aber die Definition eines fotografischen Themas ist gar nicht so einfach, wie man sich das gemeinhin vorstellt.
Zur Themenfindung gibt es verschiedene Strategien:
- Durchforsten des eigenen Bildarchivs nach geeigneten inhaltlichen und/oder formalen Themen.
- Strukturieren eines sehr weit gefassten allgemeinen Themenkreises, welcher in der Regel auch den persönlichen Interessen entspricht. Fotografiere ich beispielsweise bevorzugt Gebirgslandschaften so könnte daraus ein konkretes Projekthema «Gletscher» werden.
- Erweitern eines bisher eng gesteckten Themas, so dass sich ein projektmässiges Vorgehen lohnt. So kann bespielsweise das konkrete Landschafts-Thema «Gletscher» zu einer erweiterten Sichtweise führen, welche sich mit dem Aspekt der Klimaerwärmung befasst.
- Aktiv nach Themen suchen mittels Internet-Recherchen oder gemeinsam mit Fotofreunden erarbeiten. Mögliche Inspirationsquellen sind natürlich auch die Themen berühmter Fotografen.
Projektziel
Ist das eigentliche Thema einmal gefunden und definiert, stellt sich natürlich die Frage, wie das Resultat formal vorliegen muss und welche Wirkung es auf die Betracher haben soll.
- Will ich rein dokumentarisch arbeiten oder abstrakt? Möchte ich eine positive Grundstimmung vermitteln oder eher eine sozialkritische Aussage machen?
- Sind die Bilder für eine Ausstellung, eine Diashow oder als Teil einer Reportage mit mehr oder weniger Text?
Wichtig erscheint mir, dass zu diesem Zeitpunkt des Projektes die verschiedenen Aspekte und Dimensionen des gesamten Vorhabens konsistent und vollständig definiert sind. Dann steht der formaltechnischen Umsetzung eigentlich nichts mehr im Wege.